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Kapitel 0

 

Dieser Planet beherbergt Myriaden von mehr oder minder intelligenten und mindestens die doppelte Menge an nicht intelligenten Lebewesen. Eine grobe Schätzung, die auf der Annahme basiert, neun von zehn Gemüsesorten seien dumm und Delfine schlau. Ob das stimmt und zu welcher Gruppe die Menschen zählen, werden spätere Generationen entscheiden müssen.
Jedenfalls kann sich die Erde kaum über Langeweile beklagen. Davon abgesehen, dass sie permanent Karussell um die eigene Achse fährt, vergeht seit dem Urknall kein einziger Tag, an dem absolut gar nichts geschieht. Tausende und abertausende Ereignisse pflastern ihren Weg.
Selbstverständlich sind einige bedeutsamer als andere, das liegt in der Natur der Sache. Stürzt zum Beispiel ein Spatz aus den Wolken, interessiert das in erster Linie bloß den Vogel selbst. Fällt ein Meteor vom Himmel, spricht die ganze Welt darüber – vorausgesetzt es läuft nicht gerade Bundesliga oder die neueste Staffel Grey´s Anatomy.
Frei nach Neil Armstrongs legendärem Ausspruch »Ein kleiner Schritt für einen Mann, ein großer Schritt für die Menschheit« haben unterschiedliche Personen (beziehungsweise Spatzen) eben unterschiedlich große Füße. Und die wenigsten hinterlassen ihre Spuren im Sand der Zeit.
Die Geschichte, die es an dieser Stelle zu erzählen gilt, ist eines jener Ereignisse. Sie trägt Schuhgröße sechzig und wird Spuren hinterlassen. Denn neben vielem anderen berichtet sie vom vielleicht letzten Tag des oben erwähnten Planeten und seiner Bewohner.
Wobei dieser Tag im Allgemeinen recht bewegt gewesen zu sein scheint

Gegen elf beispielsweise explodierte am westlichen Ausläufer des Südpols ein submariner Vulkan, der jede Menge Magma ins Meer spuckte und ein Seebeben der Stärke sieben auslöste. Mit fatalen Folgen. Durch die Erschütterung wurde ein gewaltiger Eisblock aus der weißen Masse gebrochen, von einer Flutwelle abgetrieben und langsam geschmolzen.
Wie es der Zufall so wollte, befand sich ausgerechnet in diesem Eisblock ein Megalodon, der dort vor zirka drei Millionen Jahren eingefroren und auf diesem Weg an der Evolution vorbeigeschleust worden war. Siebzehn Meter lang, sechzig Tonnen schwer, extrem gefräßig und an die klimatischen Bedingungen der Karibik gewöhnt. Sein Name war Bernhard.
Nachdem Bernhard den ersten Schock plus eine Kolonie Robben verdaut hatte, fing er verständlicherweise höllisch an zu frieren. Darüber hinaus schmeckte ihm Tiefkühlkost nicht besonders, weshalb er beschloss, dem Südpol die Rückenflosse zu kehren.
Das stellte ihn vor die Wahl, entweder geradeaus zu schwimmen, nach links oder in die entgegengesetzte Richtung. Keine einfache Entscheidung. Zumal Variante zwei das empfindliche Ökosystem der Ozeane für immer zerstören und die Wissenschaft ad absurdum führen würde. Faktoren, die Bernhard nicht interessierten. Daher schwamm er einer spontanen Eingebung gehorchend nach rechts – mitten hinein in einen siedend heißen Lavastrom.

Etwa zur selben Zeit schlurfte der Chemiker Herbert C. Abrio durch sein Badezimmer und blinzelte verschlafen in den Spiegel. Dabei stellte er zweierlei fest: zum einen, dass er keine sonderlich attraktive Erscheinung abgab, und zum anderen, dass sich sein Haupthaar zunehmend von dieser Welt verabschiedete. Während ihm Ersteres seit der Pubertät bewusst war, versetzte ihm Letzteres einen ziemlichen Schrecken.
Deprimiert stieg er unter die Dusche. Schließlich rechtfertigte ein kahler Schädel keineswegs das Schleifenlassen der Körperhygiene. Davon abgesehen regte der Geruch von Duschgel seine grauen Zellen an.
Nicht der schlechteste Nebeneffekt. Aus der Kabine kam er nämlich mit nassen Füßen und einer glorreichen Idee. Er beschloss, ein Anti-Glatzen-Tonikum für Männer zu erfinden.
Voller Eifer rubbelte er sich trocken, schlüpfte in frische Boxershorts und marschierte zum Kellerlabor. Bereit, Geschichte zu schreiben.
Sein bisheriges Projekt – die Wiederbelebung des Familienhamsters – verschob er einstweilen. Die Forschungen auf unbestimmte Zeit und das Tier ins Eisfach des Kühlschranks. Der Einsatz sollte belohnt werden. Am späten Nachmittag hatte er den ersten experimentierfähigen Prototypen hergestellt. Den er sich denn auch sofort ins Haar massierte.
Zu seiner Enttäuschung blieb das Tonikum weitgehend wirkungslos. Zwar sorgte es für naturgewellten Schwung, hielt den Verlust seiner Frisur aber nicht auf, sondern beschleunigte ihn eher noch. Darum stampfte Herbert C. Abrio die Idee ein und widmete sich wieder dem toten Hamster.
Der Tag verpuffte in Frustration.
Nachts im Bett dann, als er sich Trost suchend und in eindeutiger Absicht seiner Frau näherte, fielen ihm ihre neuerdings straffen Oberschenkel auf. Darauf angesprochen erzählte sie ihm von einem ominösen Fläschchen, das neben der Spüle gestanden und mit dessen Inhalt sie sich eingerieben hätte.
Es zeigte sich, dass sein Anti-Glatzen-Tonikum am Ende ein hocheffektives Anti-Cellulitis-Mittel war. Derart effektiv, dass er sich vom Verkauf des Patents eine Haartransplantation und die thailändische Privatinsel Koh Sham Pu leisten konnte.
Der Hamster hat es leider nicht geschafft.

Zwei Stunden nach Bernhards Verwandlung in einen Brathering und vier Stunden, bevor Herbert C. Abrio einen gefrorenen Nager ans heimische Stromnetz anstöpselte, fuhr ferner ein Lastwagen über eine holprige Landstraße. Seine Ladung bestand aus eingelegten Paprikas. Eine Information, die für uns keine Rolle spielt. Auch den Fahrer können wir getrost ignorieren. Wenn wäre lediglich der Standort der Straße relevant und der ist geheim.
Weil das recht dünn klingt, nennen wir den Mann am Steuer Anton und den Schauplatz Hintermwald. Aus den Paprikas machen wir kurzerhand Sprengstoff und als Kulisse stellen wir uns eine düstere, von Bäumen eingesäumte Talmulde in den östlichen Karpaten vor.
Damit fuhr um dreizehn Uhr sieben ein Rumäne namens Anton einen sprengstoffbeladenen Lastwagen aus Oberhintermwald über die Landstraße Richtung Unterhintermwald. Das entspricht Pi mal Daumen einer Strecke von dreihundert Metern.
Auf seiner Fahrt wirbelte das Auto neben Staub und Dreck exakt hundert Kieselsteine auf, die kreuz und quer durch die Pampa schossen. Neunundneunzig landeten unspektakulär im Gras. Einer flog weiter, prallte am Stamm einer Tanne ab, fiel zu Boden, rollte an verwilderten Hagebuttensträuchern vorbei, kullerte einen Hügel hinab und blieb vor einem schmalen Rinnsal liegen.
Kein simples Bächlein. Nein, der Quell der ewigen Jugend. Das Kieselsteinchen hatte gefunden, wonach Abenteurer und Schatzjäger seit Jahrtausenden suchten. Blöd nur, dass es ohne Hände nicht daraus schöpfen, ohne Mund nicht davon trinken und ohne Lippen niemandem davon berichten konnte.
Anton brachte den Lastwagen mit dem Sprengstoff heil an sein Ziel und die Frauen in Unterhintermwald kochten feurigen Paprika-Eintopf.

Prähistorischer Riesenhai, geniale Erfindung und nutzlose Entdeckung – wo versteckt sich der gemeinsame Nenner? Oder um die Frage klarer zu formulieren: »Was zum Teufel hat das mit unserer Geschichte zu tun?«
Die Antwort lautet: Jedes dieser Ereignisse hätte theoretisch der Auftakt zu »Nullpol« sein können, aber keines von ihnen hat es in die engere Auswahl geschafft. Reichlich schade, alle drei wären definitiv unterhaltsamer und geeigneter gewesen, die Sache einzuläuten.
Leider lassen sich Anfänge nicht beliebig austauschen. Sie gehorchen strengen kosmischen Gesetzen, die man besser respektieren sollte. Vorausgesetzt, man hängt an der Welt in ihrer derzeitigen Form.
Vergessen wir also die Myriaden von intelligenten und nicht intelligenten Lebewesen. Vergessen wir das Gemüse, den Meteor und den Spatz. Vergessen wir Neil Armstrong, Bernhard, Herbert und den Kieselstein. Vergessen wir alles bisher Gewesene und konzentrieren wir uns auf das Wesentliche.

 

Das echte Kapitel 0

 

Am Morgen jenes schicksalsträchtigen Tages, der dem Universum als letzter der Menschheit in Erinnerung bleiben könnte, ging ein gewisser Viktor Jannus Rosinenbrötchen kaufen.

 

Kapitel 1

 

Viktors erster Eindruck bestand aus der Straße, die sich ihm kalt und hart gegen den Rücken presste. Seine zweite Wahrnehmung sagte ihm, dass er aus unverständlichen Gründen den Himmel anstarrte. Seine dritte Bewusstseinsregung ließ ihn aufstöhnen und wie einen Fisch auf dem Trockenen nach Luft schnappen.
Was zur Hölle …
Kaum hörbar entfalteten sich seine Lungenflügel. Er japste und inhalierte gierig das Abgas-Sauerstoff-Gemisch, das durch Mund und Nase einströmte. Es schmeckte bitter, staubig und dezent giftig. Trotzdem war es ein herrliches Gefühl, nicht länger am Ersticken zu sein. Er lebte; und zusammen mit seiner wieder einsetzenden Atmung stieg eine simple und gleichzeitig komplexe Erkenntnis in ihm auf: Man hatte ihn überfahren.
Nein, das traf es höchstens am Rande. Man hatte ihn niedergemäht, umgenietet, wegrasiert, plattgemacht und ausgewalzt. Oder um es anders auszudrücken: Irgendein rücksichtsloses Arschloch hatte ihn in halsbrecherischer Geschwindigkeit in Kniehöhe mit dem Auto erfasst, von den Füßen gerissen und fünf Meter durch die Luft geschleudert, wo er flach auf dem Asphalt aufgeschlagen und dort liegen geblieben war.
Verblüffenderweise löste der Gedanke keine nennenswerten Emotionen bei ihm aus. Er könnte sterben und es tangierte ihn kaum mehr als ein Werbespot für Slipeinlagen. Geist und Körper existierten auf zwei verschiedenen Ebenen.
Auf der einen Seite beruhigend, auf der anderen verdammt enttäuschend. Denn trotz aller Ernsthaftigkeit der Lage gehörte sein Salto über die Motorhaube mit zu den denkwürdigsten Dingen, die ihm in den letzten sechs Monaten passiert waren.
Einen Autounfall »denkwürdig« nennen …
Viktors Lippen verzogen sich zu etwas, das wohl ein Grinsen hätte sein sollen. Ungeachtet seiner erst achtundzwanzig Jahre überraschte ihn der zynische Gedanke jedoch in keinster Weise. Der war genetisch bedingt und nebst chronischem Sarkasmus ein Grundpfeiler der Familie Jannus.
Obwohl man ihm seinen Zweckpessimismus momentan nicht vorwerfen durfte. Dieser Tag war das schimmelige Sahnehäubchen auf einem Schokoeis imitierenden Haufen Scheiße.
Eine hübsche Metapher. Falls ihn sein mieses Karma nicht vorher dahinraffte, konnte er sie auf Posterleinwand drucken lassen und übers Bett hängen.
Viktor wurde übel. Er registrierte ein ungesundes Pfeifen nahe dem Zwerchfell. Es verschmolz mit dem fernen Klang von Sirenen. Parallel dazu glitt die Welt um ihn herum in ihre eigene Zeitschleife. Leute stießen stumme Schreie aus und ruderten mit den Armen. Jemand zückte in Slow Motion ein Smartphone. Ein anderer Jemand zeigte mit dem Finger auf einen Punkt hinter seiner Stirn und schwebte auf ihn zu. Möglicherweise das Resultat einer Gehirnblutung. Egal. Nach dem Dilemma der vergangenen Monate war ohnehin kaum etwas von ihm übrig, das ihm wert erschien, vom Asphalt gekratzt zu werden.
Schaumige Spucke lief ihm die Speiseröhre hinunter. Er würgte und lehnte sich zurück, um zu sterben.

 

Viktor

 

Nutzen wir die Gelegenheit für eine kurze Pause. Unsere Geschichte steckt mitten im ersten Kapitel und wir haben gerade einen ihrer Hauptakteure kennengelernt: Viktor Jannus.
Ein durchaus liebenswerter Charakter mit vertretbaren Macken, den wir aktuell nicht zu seiner besten Stunde erwischen. Was schon fast albern klingt, wenn man bedenkt, dass er mit Knochenbrüchen und inneren Blutungen auf der Straße liegt. Nachdem er bei dem Versuch, Rosinenbrötchen zu kaufen, überfahren wurde.
Sollte er darum ein bisschen depressiv oder negativ erscheinen, würde ich das nicht überbewerten. Das lässt sich zu siebzig bis achtzig Prozent seiner schlechten Verfassung zuschreiben.
Die schlechte Verfassung wiederum lässt sich ironischerweise nur zu zehn bis fünfzehn Prozent den Knochenbrüchen und inneren Blutungen zuschreiben. Der Rest ist Viktors ehemaliger Freundin, Mitbewohnerin und Ex Miss Caipirinha Kathrin geschuldet. Sie bekleidet eine kleine Statistenrolle, gehört aber wie alle anderen mit zur Geschichte und muss der Ordnung halber an dieser Stelle erwähnt werden.
Kathrin hat Viktor belogen, betrogen und nach knapp vier Jahren Beziehung in einem gestreiften Bademantel auf der Couch zurückgelassen. Seitdem fehlt es ihm (neben einem Job, Geld und Perspektiven) an Selbstachtung und der nötigen Motivation, vor dem Mittagessen aus dem Bett zu kriechen.
Alles kein Problem in einer Welt, die Bridget Jones für eine charmante Chaotin hält. Sein Leben hätte sich garantiert wieder eingependelt. Wäre Kathrin an diesem Tag nicht plötzlich unangemeldet vor der Tür gestanden, um ihre restlichen Sachen abzuholen. Woraufhin Viktor ankündigte, Rosinenbrötchen zu besorgen. Die er beim Bäcker kaufen musste. Was ihn dazu brachte, auf die Straße zu gehen. Wo ihn das Auto erfasste und niederstreckte.
Verwicklungen, an denen man insofern Kathrin die Schuld geben könnte, da ihn die Hoffnung auf Versöhnungssex zum Bäcker getrieben hatte. Er selbst verabscheute Rosinenbrötchen zutiefst.

In Ordnung. Bisher wissen wir, dass Viktor achtundzwanzig, unfreiwilliger Single und Besitzer eines gestreiften Bademantels ist. Was gibt es sonst über ihn zu wissen?
Dank eines Flyers im Briefkasten hat er vor ein paar Jahren sein BWL-Studium geschmissen und einen Fernlehrgang in Parapsychologie absolviert. Eine Entscheidung, die ein wertloses Diplom und siebzehn Praktika mit sich brachte. Außerdem Schulden in vierstelliger Höhe und ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Flyern.
Er isst gern Pasta und trägt die blonden Haare zur Sturmfrisur. In Turnschuhen wirkt er sportlich und im Anzug ein wenig verloren. Ein mittelgroßer, mittelschwerer Durchschnittstyp mit eigenem Charme, der rasiert an Matthias Schweighöfer und unrasiert an Oskar aus der Tonne erinnert. Spezielle Talente oder Begabungen besitzt er keine. Abgesehen von der Fähigkeit bei Heavy-Metal-Musik selig zu schlafen.
Das war es vorerst.
Ein in Selbstmitleid zerfließender Endzwanziger ohne herausragende Eigenschaften. Kritische Stimmen werden jetzt sagen, dass sich so jemand nicht zum Helden einer Geschichte eignet. Besonders nicht, wenn derjenige gleich am Anfang versehentlich vor ein Auto läuft.
Da sieht man mal wieder, wohin uns Der Herr der Ringe, Harry Potter und Konsorten geführt haben. Überall bloß noch Krieger, Kämpfer und heroische Lichtgestalten. Dem kleinen Mann von nebenan traut niemand erwähnenswerte Heldentaten zu. Wobei in Tolkiens Herr der Ringe genau genommen Hobbits zum Schicksalsberg marschieren und Harry Potter ein unscheinbarer Waisenjunge ist. Ach, vergessen wir das.
Eine Geschichte muss ohnehin keinen Helden haben. Das Konzept ist mittlerweile angestaubt. Was nicht heißen soll, unsere Geschichte würde keinen beinhalten ­– solche elementaren Fragen entscheiden sich stets erst am Ende.
Und überhaupt Wer behauptet, Viktor wäre »aus Versehen« überfahren worden?

 

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